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Gender-Gaga und andere Kniffe – Wie man mittels Rhetorik die Menschen verdummen kann

Christoph Leinweber, 04.08.2022

In der Bild-Zeitung fand man vor einigen Tagen die Gender-gerechte Verballhornung der berühmten Goethe-Ballade:

 

Der*Die Erlkönig*in

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

 

Es ist der*die Vater* Mutter*Elterperson mit seinem*ihrem Kind;

 

er*sie hat den*das Knaben*Mädchen wohl in dem Arm, er*sie fasst ihn*es sicher, er*sie hält ihn*es warm.

 

Mein*e Sohn*Tochter, was birgst du so bang dein Gesicht? – Siehst, Vater* Mutter*Elterperson, du den*die Erlkönig*in nicht?

 

Den*die Erlenkönig*in mit Kron’ und Schweif? – Mein*e Sohn*Tochter, es ist ein Nebelstreif.

 

Doll, oder?

 

Während man über Gender und den damit verbundenen Schwachsinn jedoch in den meisten Fällen noch schmunzeln kann, weil es (zumindest bisher) meist keine eklatanten Auswirkungen hat– es sei denn, es ist gerade dringend und man sucht in manchen öffentlichen Gebäuden mittlerweile vergeblich die Damen- oder Herren-Toilette –, entscheiden andere rhetorische Kniffe manchmal unmittelbar über Leben und Tod:

 

Beispiel 1

Bei Focus Online war am selben Tag ein Artikel mit dem Titel "Virus keine Gefahr mehr – Expertengruppe fordert: Es darf im Herbst keine neuen Corona-Maßnahmen geben" zu lesen.

 

Darin kommen die Mediziner Thomas Voshaar und Matthias Schrappe sowie der Medizinstatistiker Gerd Antes zu Wort.

 

Welch Geistes Kind Schrappe – der "mit der großen Arbeitsgruppe in Köln", wie er von Wolfgang Nestvogel geadelt wird, weil er mit seiner Argumentation dessen Kreuzzug gegen Corona-Maßnahmen und Staat voll entspricht – und Antes sind, wusste ich als interessierter Verfolger der Pandemie bereits. Von Voshaar hingegen hatte ich bis dato noch nichts diesbezüglich vernommen.

 

Aber es gibt ja Google. Und bei Voshaar Corona wird man sofort massenweise fündig. Exemplarisch für die Haltung dieses Menschen zur Corona-Pandemie sein Gespräch mit der Welt vom 15.02.2022. Darin fordert er sofortige Lockerungen der Schutzmaßnahmen und sagt wörtlich:

 

„Worauf wollen wir noch warten?“ Man müsse „rational nach den Zahlen und nach der aktuellen Situation“ beurteilen, „was zu tun und erreichbar ist“.

 

https://www.merkur.de/deutschland/corona-omikron-lockerungen-lungenspezialist-voshaar-vorhersage-endemie-massnahmen-ende-verlauf-klinik-91347654.html

 

Und nun schauen wir uns den Situationsbericht des RKI vom selben Tag an. Dort werden exakt 243 Todesfälle aufgrund von Covid-19 gemeldet:

 

https://bit.ly/3Simmwd

 

Im Februar 2022 sind laut amtlicher Statistik 82.533 Menschen in Deutschland verstorben, also täglich im Schnitt etwa 2.947. Unabhängig von der Frage nach verspäteten Meldungen – bei Corona ist bekannt, dass die Sterbezahlen des RKI mit einem Versatz von etwa drei Wochen erfolgen, bei anderen Todesursachen kenne ich den Vorlauf nicht –, war also in diesem Monat bei etwa acht Prozent der Verstorbenen Corona die Todesursache.

 

Für die, die es nicht so mit Prozentrechnung haben: Das ist ungefähr jeder Zwölfte!

 

Wer der Ansicht ist, das sei gegenüber der üblichen Sterblichkeit eine vernachlässigbare Größe, dem empfehle ich meinen Artikel Friede und Einmütigkeit, koste es, was es wolle, in welchem ich unter anderem ausführe, was in einem Land in Deutschland alles unternommen wird, um das Leben der Bevölkerung zu schützen, und dass es eben nicht so ist, als ließe man die Million Menschen, die jährlich ohne Corona stirbt, einfach so sterben:

 

https://www.cle-lektorat.com/anklagegegendiebesonnenen

 

Und in dieser Situation verlangt einer, rational nach Zahlen zu handeln und zu lockern?

 

An dieser Stelle eine erste – bewusste – rhetorische Entgleisung meinerseits:

 

Wer diesem Herrn angesichts der gerade präsentierten Fakten recht gibt, ist für mich ein menschen- und lebensverachtender Asozialer und nichts weniger!

 

Die beiden anderen Protagonisten des aktuellen Positionspapiers, Schrappe und Antes, stoßen seit Pandemiebeginn ins selbe Horn; entsprechende Zitate verkneife ich mir; wer es nicht glauben mag, darf das gerne selbst googeln.

 

Einschub für alle, die der Meinung sind, der Februar sei lange her und die Situation habe sich seither deutlich entschärft:

 

Laut Situationsbericht des RKI sind in der vergangenen Woche, 28. Juli bis 04. August, exakt 850 Menschen als an oder mit Corona verstorben registriert.

 

Wie der Zufall so will, entspricht diese Zahl bis auf die zweite Ziffer hinter dem Komma exakt einer Halbierung der Februarzahlen.

 

So weit, so gut, möchte man meinen.

 

Allerdings entspricht diese Halbierung immer noch durchschnittlich 121 Corona-Todesfällen pro Tag.

 

Vernachlässigbar?

 

Kein Anlass mehr für Schutzmaßnahmen?

 

Das zur Vorgeschichte. Jetzt zum Inhalt besagten Pamphlets und den darin enthaltenen rhetorischen Winkelzügen. Den besten findet man gleich zu Beginn:

 

„Eine Pandemie durch Atemwegsviren lässt sich vom Staat nicht präzise durch Kontrolle und Überwachung sozialer Kontakte steuern“, heißt es in dem am vergangenen Donnerstag publizierten Papier. Dies scheitere an der hoch effizienten Ausbreitung der Viren über die Atemluft und der schnellen Veränderlichkeit des Virus. Das Infektionsgeschehen verlaufe deshalb komplex und teilweise chaotisch, heißt es darin weiter.

 

Diese Behauptung ist nicht nur kompletter Schwachsinn, sondern auch ein Widerspruch in sich!

 

Es ist völlig richtig, dass sich das Virus hoch effizient, komplex und chaotisch über die Atemluft verteilt.

 

Aber genau deshalb ist ja die Vermeidung von Kontakten und des damit verbundenen Austauschs von Atemluft das wirksamste Mittel gegen die Verbreitung; wer will das denn ernsthaft in Abrede stellen?

 

Insofern ist die Kontrolle – damit ist nicht nur die Vermeidung gemeint, sondern auch das Schützen durch Abstand, Hygiene und Maske – der Kontakte selbstverständlich neben der Impfung das effizienteste Mittel gegen das Virus. Logischer geht es doch gar nicht.

Und genauso logisch ist die Antwort auf die Frage, wer diese Maßnahmen letztlich anordnen und überwachen muss, solange wir in einer Gesellschaft leben, die, wie wir wissen, zu zehn bis zwanzig Prozent aus egoistischen, lernunfähigen Dummköpfen besteht.

Genauso logisch ist es, dass die nächste prominente Behauptung, Lockdown-Maßnahmen hätten nicht gewirkt, vollkommen unsinnig und sachlich falsch ist.

 

Logisch ist es deshalb, weil zwar völlig klar ist, dass es auch in einem Lockdown erstens immer zu nicht vermeidbaren Kontakten kommt – schließlich kann man ein Land nicht komplett dichtmachen – und zweitens immer ein Bodensatz von unbelehrbaren Schwachköpfen, oft fatalerweise aufgestachelt von irregeleiteten Hetzpredigern von der Kanzel herab, die Maßnahmen bewusst unterläuft. Aber drittens ist es eben auch so, dass sich die Mehrheit der Menschen den Regeln entsprechend verhält und sich somit in einem Lockdown immer eine signifikante Kontaktreduzierung ergibt.

 

Wenn wir Kontaktreduzierung in einem sowohl wörtlichen als auch etwas makabren Sinn verwenden wollen, dann sieht man exakt diesen Effekt beispielsweise daran, dass die Zahl der Verkehrstoten in den Coronajahren ungewöhnlich stark gesunken ist:

 

https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/transport-logistik/minusrekord-corona-sorgt-fuer-weniger-verkehrstote-2970590

 

Welche gigantische Wirkung Lockdownmaßnahmen in Deutschland generell hatten, wird auch an anderer Stelle unzweifelhaft deutlich.

 

Im Januar 2021 wurde mit über 1.200 Covid-Toten an einem Tag der absolute Höchststand an Sterbefällen während der Pandemie erreicht.

 

Im März 2021 waren es dann mehr oder weniger konstant weniger als 300 pro Tag.

 

Diese Zahlen müssen eingeordnet werden, um nicht blind und oberflächlich zu urteilen:

 

Wie bereits erwähnt meldet das RKI die Covid-Toten mit einem Versatz von etwa drei Wochen. Somit sind also die meisten derer, die Mitte Januar registriert wurden, etwa um Weihnachten 2020 herum gestorben.

 

Das Wetter, von dem man weiß, dass es die Verbreitung des Virus auch beeinflusst, hat sich von Dezember bis März nicht übermäßig geändert. Es war kalt und nass und die Menschen waren drin. Somit kann die Witterung keinen Anteil an der genannten Reduzierung der Sterbefälle gehabt haben.

 

Der vieldiskutierte bessere Schutz der Alten- und Pflegeheime lief seinerzeit erst ganz langsam und sehr holprig an. Auch das kann deshalb nicht besonders viel beigetragen haben.

 

Die Impfung kann es ebenfalls nicht in der Hauptsache gewesen sein, denn bekanntlich lief sie erst am 27. Dezember 2020 an und begann, wie wir alle wissen, ebenfalls eher langsam und holprig, weil die böse Regierung angeblich versäumt hatte, rechtzeitig ausreichend Impfstoff zu beschaffen. Erinnert Ihr Euch?

 

Die einzige tatsächliche signifikante Änderung der Rahmenbedingungen war, genau, zunächst der sogenannte – nicht besonders zielführende – Lockdown Light Anfang November sowie schließlich dessen Verschärfung Mitte Dezember 2020.

 

Da es sich während der Pandemie ebenfalls herausgestellt hat, dass Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, d. h. dass Menschen ihr Verhalten bereits ändern, bevor eine angekündigte Änderung – egal ob in die eine oder in die andere Richtung – in Kraft tritt, ist der Zusammenhang zwischen Lockdown und Entwicklung der Todesfälle schlichtweg offensichtlich.

 

Wer das nicht erkennt, hat ganz einfach nichts im Kopf, und wer das wie die Verfasser des Positionspamphlets bewusst abstreitet, ist schlicht und ergreifend ein infamer Lügner!

 

Einschub:

 

Angesichts der kurzen zeitlichen Abfolge zwischen Impfbeginn und Reduzierung der Sterbezahlen könnte es natürlich auch sein, dass die Impfung entgegen meiner Interpretation doch sehr viel schneller und stärker Wirkung gezeigt hat und sich die Waage etwas vom Lockdown weg und zur Impfung hin neigt.

 

Aber erstens ginge auch dann immer noch ein deutlicher Anteil aufs Konto des Lockdowns, zweitens – und das finde ich persönlich hochinteressant – bleibt das Ergebnis eine schallende Ohrfeige für die Coronaleugner und Impfgegner, die sowohl gegen Lockdowns als auch gegen die Impfung Zeter und Mordio geschrien haben. Denn eine der beiden Maßnahmen muss es ja nun mal gewesen sein, nicht wahr?

 

Das ist dann der Moment, den ich so liebe, nämlich der, wenn sich die sogenannte Argumentation vermeintlich intelligenter Menschen zu irgendeinem Thema so richtig selbst in den Schwanz beißt und man zweifelsfrei erkennt, dass sie entweder aus ideologischen oder sonstigen Motiven so argumentieren oder ihren eigenen Intellekt total überschätzen!

 

Einschub Ende.

 

Weiter mit den Widersprüchen:

 

"Es können lediglich typische Situationen definiert werden, in denen die Infektionsgefahr besonders hoch ist (kleine Räume, viele Menschen, wenig Luftaustausch, lange Aufenthaltszeit) oder äußerst gering (Aufenthalt im Freien)."

 

Richtig. Und WER definiert das?

 

Wieder richtig: der Staat – der die Pandemie, wie sie im selben Papier behaupten, nicht steuern kann!

 

Oder glaubt hier einer wirklich ernsthaft, die Menschen würden sich ausnahmslos freiwillig entsprechenden Regelungen unterwerfen? Wer das wirklich annimmt, hätte mal einen der Untergrund-Gottesdienste der BER Frankfurt besuchen sollen.

 

Ja, die hat es wirklich gegeben! An geheimer Adresse, mit verschlossenen Türen, mit lautem Singen, dafür aber ohne Masken, und das in der Hoch-Zeit des Virus!

 

Hier und an vielen anderen Stellen wurde deutlich, dass gerade ein nicht kleiner Teil derjenigen, von denen die Menschen zu Recht größtmögliche Rücksicht auf ihren Nächsten erwarten, nämlich die Christen, diese Rücksicht mit Füßen treten.

 

Weiter:

 

"Der gezielte Einsatz von Masken in kritischen Bereichen wie Altenheimen, Kliniken und bestimmten Innenräumen war sinnvoll. Masken haben ihren Nutzen bewiesen, insbesondere bei der Reduktion von Todesfällen: Sie reduzieren die Konzentration der eingeatmeten Viren und verschaffen damit dem Immunsystem Reaktionszeit"

 

Wie wohltuend – endlich gestehen mal ausgewiesene Leugner, Verharmloser und Maßnahmengegner die Wirkung der Maske ein. Hoffentlich liest Nestvogel sich das ausnahmsweise mal durch, bevor er sich am kommenden Sonntag zweifellos wieder die Rosinen aus dem Positionspapier herauspickt und in seine sogenannte Predigt einbaut, die zu seinem lange gepflegten Narrativ passen!

 

Aber ein weiteres Mal:

 

Wer ordnet denn das Tragen von Masken an?

 

Nicht etwa der Staat?

 

Wie viele Menschen tragen derzeit im Supermarkt Maske, obwohl bekannt ist, dass das Virus gerade grassiert?

 

Und glaubt irgendjemand ernsthaft, im Herbst würden wir kein Infektionsgeschehen haben, das ohne Maske nicht mehr bewältigt werden kann?

 

Fazit:

 

Wie üblich – diejenigen, die von Anfang an durch ihre lockere Bereitschaft, Menschen am Corona-Virus sterben zu lassen ("Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben!"), machen jetzt, weil ihr Stolz es nicht anders zulässt, genauso weiter. Und wenn sie merken, dass sie wider eigenes, mittlerweile besseres Wissen argumentieren, dann wird das Ganze rhetorisch geschickt verbrämt, damit Otti Normalrechtschreiber schön auf die wohlgewählten Worte reinfällt.

 

Nachtrag:

 

Nach Erscheinen des erwähnten Positionspapiers kamen selbstredend sofort die Ratten aus den Löchern. Diesmal in Form einer AfD-Abgeordneten, die tatsächlich behauptete, Lauterbach sei für die Verschlechterung des Gesundheitszustands des gesamten Volkes verantwortlich und müsse sofort entlassen werden.

 

Abartig?

 

Abartig!

 

Beispiel 2

Der nächste Fall ist nicht ausschließlich ein Rhetorik-, sondern womöglich eher ein (Fremd-)Sprachthema:

 

Klaus Stöhr, ebenfalls ein bekannter Gegenexperte, der seit Anbeginn dafür plädiert hat, das Virus mehr oder weniger laufen zu lassen ("Es wird sich irgendwann jeder infizieren, da es nicht möglich ist, sich vor dem Virus zu verstecken.“), forderte bereits öffentlich, man müsse Leuten wie Lauterbach die Approbation als Mediziner entziehen. Nun griff er ihn erneut harsch an und bezog sich dabei auf eine sogenannte Pre-Print-Studie aus Dänemark, die Lauterbach laut Stöhr komplett fehlinterpretiert habe.

 

Die strittige Passage lautet auf Englisch wie folgt:

 

"In an analysis adjusted for covariates, BA.5 infection was associated with an increased risk of hospitalisation which needs confirmation and continued surveillance as hospitalisations were low and stable during the study period."

 

Lauterbach twittert daraufhin, in Dänemark zeige sich eine Zunahme der Hospitalisierten.

 

Darauf Stöhr:

 

"Unglaublich Herr Lauterbach, wieviel Fehlinterpretationen man auf einmal in einen kurzen Tweet hineinbringen kann. Die Autoren des von Ihnen zitierten Artikels (Pre-print) kommen zu anderen Schlussfolgerungen ihrer Arbeit."

 

Und wie üblich wird diese neuerliche Attacke auf den gefühlt meistgehassten Mann der Republik vom treuen Publikum erfreut aufgenommen und weiterverbreitet.

 

Dummerweise hat Lauterbach besagte Studie eben nicht fehlinterpretiert. Die Aussage erhöhtes Risiko einer Hospitalisierung durch BA5 steht da schwarz auf weiß. Lediglich der zweite Satzteil ist in Verbindung mit dem ersten etwas missverständlich – Dänen sind ja auch keine Englisch-Muttersprachler – und könnte beispielsweise dahingehend interpretiert werden, dass sich ein erhöhtes Risiko bei einer gleichzeitig sehr geringen Hospitalisierungsrate statistisch kaum zeigt und das Ganze eben, wie dort erwähnt, weiter beobachtet werden muss.

 

Man sieht meines Erachtens deutlich, dass die Pandemie mit fortschreitendem Verlauf nicht nur von zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben und der Unversehrtheit unserer Mitmenschen kennzeichnet ist, sondern eben auch zunehmend über sprachliche Nuancen gesteuert wird.

 

Ich bin wie gesagt sicher, dass dies bei den meisten, die sich zu Wort melden, schlichtweg der Stolz ist, der ihnen nicht erlaubt, frühere Irrtümer bezüglich der Gefährlichkeit des Virus etc. einzugestehen. Stattdessen suchen sie sich rhetorische Schlupflöcher, um sich um die Fakten und ihre früheren Falschaussagen herumzuwinden, anstatt zu sagen:

 

’Wir müssen uns jetzt noch ein paar Monate alle zusammenreißen, dann ist das Ding im Griff.’

 

Beispiel 3

Aktuell wird ja mehr oder weniger auf der ganzen Welt deutlich, dass die Demokratie die, sagen wir, am wenigsten schlechte Staatsform und sämtlichen anderen Regierungsvarianten überlegen ist. Siehe Russland und Ukraine, siehe China und Taiwan.

 

Wir in Deutschland können uns glücklich schätzen, seit nunmehr 73 Jahren eine stabile Demokratie mit relativ großer Freiheit, relativ hohem Wohlstand sowie vor allen Dingen Frieden zu haben. Dies ist bei aller berechtigten Kritik an unserer Politik auch deren gar nicht hoch genug einzuschätzender Verdienst.

 

Die hässliche Fratze, die einer Demokratie trotzdem grundsätzlich innewohnt, hat sich während der Corona-Pandemie gezeigt, als alle Parteien teilweise in menschenverachtender Weise versucht haben, politisches Kapital aus ihr zu schlagen. Allen voran FDP und AfD, wobei Erstere zu allem Überfluss auch noch von unbedarften Wählern mit einer Regierungsbeteiligung belohnt worden ist.

 

Und bei der FDP setzt mein drittes Beispiel an:

 

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte vor einiger Zeit wörtlich an, mit den Koalitionsparteien, allen voran Bundesjustizminister Buschmann von eben der FDP, über die im Herbst notwendigen Coronamaßnahmen verhandeln zu wollen.

 

Das hat er dann nach erfolgten Gesprächen so wiederholt:

 

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-lauterbach-vierte-impfung-100.html

 

Der Begriff verhandeln ist es, der mir an dieser Stelle so aufgestoßen ist, deshalb greife ich ihn in diesem Rhetorik-Artikel auf.

 

Denn verhandeln heißt nichts anderes, als dass über das Leben von Menschen in Deutschland nun demokratisch, das heißt in erster Linie durch Einfluss und Stärke im Bundeskabinett, entschieden wird – und nicht etwa auf der sogar im Grundgesetz festgelegten Grundlage des Lebensschutzes!

 

Das ist aus meiner Sicht ein Skandal; erstens, dass eine im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Frage auf dem Basar entschieden wird, zweitens weil gerade die Partei, die hier augenscheinlich sogar Herrn Lauterbach die Richtung vorgibt, sich mit Buschmann, Lindner und allen voran Kubicki während der gesamten Pandemie als die gegenüber dem menschlichen Leben absolut am wenigstens interessierte geriert hat.

 

Das Ergebnis dieser Verhandlungen ist übrigens ein Maßnahmenkatalog, der erkennbar nochmal dramatisch schlechter ist als alles, was die jeweilige Regierung nach vernünftigem Beginn im Frühjahr 2020 ab dem Herbst des gleichen Jahres verzapft hat. Wir rennen sehenden Auges in die nächste Katastrophe, die höchstwahrscheinlich noch einmal tausende Menschen das Leben kosten wird.

 

Ich finde das unfassbar. Absolut unfassbar!

 

Aber es ist nicht zu ändern. Demokratie kann immer nur so stark sein wie ihre schwächsten Glieder, was Intellekt, Reife, Urteilskraft und Sozialverhalten anbelangt. Und dass es damit in diesem Land nicht unbedingt zum Besten bestellt ist, wissen wir schon etwas länger.

 

Wobei ich ehrlich gesagt schon entsetzt darüber bin, mit welcher Bereitwilligkeit viele Menschen derzeit ohne Maske in Innenräumen herumlaufen und somit ihrer Bequemlichkeit den Vorzug vor dem Schutz des Lebens einräumen – und dabei offensichtlich auch nicht kapieren, dass besagte Maske auch vor der normalen Grippe, die angeblich bereits jetzt grassiert und für die nächsten Wochen und Monate in verstärkter Form erwartet wird, wirksam schützt.

 

Insofern kann man nur beten, dass es nicht so schlimm wird, wie man befürchten muss. Aber es ist schon jetzt abzusehen, dass eine große Anzahl Menschen all das, was in den vorstehenden Zeilen beschrieben worden ist, mit ihrem Leben bezahlen wird.

Zum Heulen!